Eines schönen Samstagmorgens im September packen wir unsere Körbe und Messer und fahren in den Wald. Wir laufen nur ein paar Minuten, bevor wir ins Dickicht huschen und eifrig das Schneidewerk zücken. Der Duft von Pilzen steigt uns in die Nase und ich sehe sie schon in der Pfanne brutzeln. Doch plötzlich macht sich Entsetzen in unseren Gesichtern breit, als wir auf den leeren Waldboden blicken. Nicht ein einziger kleiner Pilz ist hier zu sehen. Nur Moos und Nadeln und Äste – nicht mal ein Giftpilz! Eine Weile stehen wir stumm im Unterholz und lauschen den Gesprächen der Sträucher und Bäume. „Sie kommen nicht mehr zurück“, höre ich eine Eberesche spotten und ein Nadelbaum erwidert: „Eine Frechheit ist das.“ Ein winziger Holzstumpf mischt sich von unten ein: „Ich würde auch gehen, wenn ich noch könnte.“ Wir verstehen nicht, was diese Gespräche bedeuten sollten, aber eines ist uns klar, als wir zum Auto zurückkehren: Was sich hier ereignet hatte, war seltsam.

Im Wald ist in der Zwischenzeit ein gewaltiger Aufruhr entstanden. Bäume schmeißen mit Ästen um sich und Sträucher entwurzeln sich selbst, um hastig das Dickicht zu verlassen. „Wir müssen hier endlich weg. Das ist ja nicht auszuhalten. Man erstickt unter all den Füßen. Ich habe überall Quetschungen.“, fluchen sie und nehmen dabei sogar in Kauf, einige ihrer Wurzelstränge restlos an den Forstboden zu verlieren. Ein Laternchen quietscht zwischen zwei Farnen hervor: „Aber wo wollt ihr denn hin? Es ist doch immer so schön gewesen!“ Und eine Vogelbeere tönt hysterisch: „Die Pilze habt ihr schon vertrieben mit eurem Gejammer, auf euch können wir jetzt auch verzichten.“ Der Feuerdorn, schwer vom Regen, will nicht länger weghören und erklärt wild fuchtelnd seine Verteidigungspläne: „Wenn wir uns alle einmal richtig aufstellen und nicht andauernd so lasch in der Gegend herumhängen würden, können sie uns auch nicht einfach zertreten oder Beiseite schlagen. Ihr wisst doch, dass es ihnen immer schwer fällt, sich einen Weg an uns vorbei zu bahnen. Wir jedenfalls werden es ihnen so grässlich wie möglich machen. Wer von euch macht mit?“
Plötzlich hält das geschäftige Treiben einen Moment lang inne und Ruhe zieht in den Forst. Verlegen melden sich nur die Vogelbeeren aus einer Ecke. Drei Brombeersträucher, die über einem Bächlein ins Leere stacheln, katapultieren übelgelaunt einige ihrer halb verdorrten Früchte in die Tiefe und fluchen: „Wir haben immer getan was wir konnten. Den einen oder anderen Stachel mussten wir dafür opfern. Aber sie werden immer robuster gegen unsere Abwehraktivitäten und noch schlimmer, sie entwickeln sich zu einer lebendigen Waffe, kommen mit schweren Geräten und metzeln uns einfach zu Boden.“ Die Vogelbeeren, die ursprünglich vom Kampf gegen die Waldvernichter und Räuberei entschlossen waren, lassen schließlich ihre geschwächten Äste herabsinken und starren teilnahmslos in den Wald. Der Feuerdorn schüttelt wütend den Kopf und der Zorn treibt eine saftige Röte in seine Beeren: „Mein Gemüt ist schwer, vom Regen. Ich bin alt. Geht ruhig. Zeiten ändern sich. So wird sich eben alsbald eine Wiese aus unserem einstig so fröhlichen und stolzen Mischwald entwickeln.“, stößt eine runzlige Beere kläglich seufzend hervor.
Die Kräuter haben bereits ihre Köpfe eingezogen, weil es von Tag zu Tag dunkler im Gehölz wird. Seit einer Woche ist es so still hier draußen, dass man jede Beere fallen hören kann. Keine gelassenen Unterhaltungen oder Neckereien erwärmen mehr den Waldboden. Stattdessen erstarrt der Wald infolge der tiefen, verzweifelten Atemzüge seiner Bestandteile und eine eisige Gänsehaut legt sich über ihn.
Nur das Moos rollt sich fortwährend unermüdlich über den gesamten Boden aus und saugt den größeren Bewohnern weiterhin ungeniert das Wasser davon. Dem beengenden Schweigen wird erst ein Ende bereitet, als sich ein dicker, alter Ast von einer kranken Kastanie löst und mit einem gewaltigen Hieb auf den Boden kracht. Mit letzter Kraft stemmt er sich gegen die Überreste des abgeholzten Nachbarn und beginnt schwerfällig mit einer Erzählung:
„Ich weiß es noch ganz genau. Es war ein warmer, herrlicher Tag hier im Wald und obwohl es uns allen da oben nicht gut geht, ließ ich an diesem Tag einfach mal die Seele baumeln und gab mich den letzten warmen Sonnenstrahlen hin, ohne an all die Probleme zu denken, die uns die Rostraupe tagein, tagaus beschert.“ Er wirft dabei einen wehleidig, schmerzverzerrten Blick hinauf zu seinem sichtbar leidenden Baum und sein Kopf sinkt anschließend betrübt zu Boden. „Jedenfalls hörte ich plötzlich Stimmen und schwang mich blitzschnell nach unten. Ich sah zwei Pilzsporen, wie sie aufeinander losgingen, getrieben von Wut und Hass. Sie erreichten unseren Wald zusammen, aber als es darum ging, sich hier niederzulassen, waren sie sich wohl höchst uneinig. Ich dachte, sie würden sich jeden Moment gegenseitig umbringen, als eine Spore plötzlich hastig ihren winzigen Körper vom Baumstumpf zerrte und davon lief. Kurze Zeit später sah ich, wie zwei Wanderer die verbliebene, junge Spore tot traten. Das machte mich so traurig, dass ich mich für den ganzen Rest des Tages hängen ließ und mir sogar egal war, ob die Rostraupe fette Löcher in mich fraß.
Auch einige Tage später konnte ich diesen Vorfall nicht vergessen und war so froh, dass ich noch ein Leben hatte und nicht, wie die kleine Spore dem Tod ausgesetzt wurde. Natürlich verbreitete sich die Sache der beiden Sporen rasch auf dem Waldboden und Pilze gerieten in Panik. So konzentriert ich auch überlegte, fiel mir nicht ein, wie ich ihnen helfen sollte. Von Tag zu Tag würden jetzt wieder mehr von ihnen hier hinein kommen und gnadenlos drauf los Trampeln. Ein Schirmpilz bäumte sich eines Morgens mächtig auf und trommelte all die Waldpilze und Sporen zusammen. Es regnete an diesem Tag in Strömen, sodass nicht mal die Nadelbäume dem bunten Treiben auf dem Waldboden Schutz gewähren konnten. Die Pilze waren allesamt schlecht gelaunt und beschimpften den Schirmpilz, er habe ja einen Schirm, aber er würde nicht darüber nachdenken, wo sie sich selbst denn unterstellen sollten, bei dem Regen. Der Schirmpilz nahm einige von ihnen unter seinen Schirm und versuchte die Versammlung zu beruhigen: „Ich habe euch etwas Wichtiges mitzuteilen. Lange habe ich darüber nachgedacht, aber nun bin ich sicher: Das Klima stimmt in diesem Wald einfach nicht. Die Sträucher regen sich täglich auf, es würde zu viel rücksichtslos herum getrampelt und darüber hinaus würden hier auch regelmäßig Früchte geklaut werden. So kann das nicht weitergehen. Wir brauchen unser Leben und unser Leben braucht uns! Wir lassen uns nicht zertreten.“ Alle Pilze jubelten dem Schirm zu und tanzten, wie wild im Regen. „Er hat Recht. Er hat so Recht.“, hörte man aus der Menge rufen. Das Getöse dauerte so lange an, bis eine Spore eines Steinpilzes bemerkte, dass der Schirmpilz überhaupt keine Lösung für das Problem geäußert hatte und versuchte sich mit kreischendem Stimmchen gegen die lauten Jubelschreie durchzusetzen: „ Aber was sollen wir denn dagegen tun?“ Alle wurden plötzlich still und der Schirmpilz versank unter seinem Dach. Er drehte sich verlegen weg, aber war dennoch umgeben von empörten Pilzen, die bei ihm Unterschlupf gesucht hatten und ihn jetzt enttäuscht anstarrten und ihre Beine fest in den Boden drückten. „Genau, was sollen wir denn tun? Ich bin hier zuhause, habe viele junge Sporen aufwachsen sehen. Den Krieg kenne ich seit meiner Kindheit. Meine gesamte Familie ist hier geboren und gestorben.“, erboste sich eine zerbrechliche Marone. Weitere Pilzsorten fingen an sich ebenfalls aufzuregen und forderten nach einer Lösung. Eine gigantische Rebellionswelle überflutete den Boden und der Schirmpilz versuchte abermals die Meute zu beruhigen. Es dauerte Stunden, bis er endlich Mut fasste und beherzt seine Lösung verkündete: „Wir müssen den Wald verlassen. Ob wir wollen oder nicht.“
Noch einige Stunden liefen die Proteste und es wurden grauenvolle Mordgelüste laut. Der Schirm musste um sein Leben fürchten und hatte sich bereits unter einem Baumstamm verkrochen, als ich bemerkte, wie die Pilze hastig ihre Sporen einsammelten, sich von ihren Bäumen lösten und abgebrochene Teile von Hüten und Schuhen hinter sich her zogen. Im Flüsterton wurde dem Schirmpilz eine Botschaft zugetragen und nach nur wenigen Minuten konnte ich beobachten, wie alle Pilze aus dem Dickicht verschwanden. Dann wurde es ruhig im Forst.“
Bäume, Sträucher und Blumen schwingen wie gebannt von dieser Erzählung in der Gegend umher und man sieht, wie sie langsam zu sich kommen und hilflose Blicke von einem Geäst zum andern wandern. Die Blumen schließen ihre Köpfe und die Sträucher drücken ihre Wurzeln zurück in die Erde. Das Moos streichelt den Ast und schmiegt sich um ihn, wie eine wärmende zweite Haut.
Es wird Nacht im Wald und raue, kalte Luft umschließt ihn, wie ein langer, seidiger Schleier. Obwohl alle seine Bestandteile frösteln und überzeugt davon sind, dass eine harte Zeit auf sie zukommen wird, bleiben sie entschieden im Boden verwurzelt. Denn die schreckliche Geschichte über den Verlust all ihrer geliebten Pilze konnte ihnen die Augen öffnen und sie wissen jetzt: Nur gemeinsam können sie ein starker Wald sein und sich gegen die unersättlichen Waldräuber wehren.

Posted by:mahafernnah

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