Ich laufe durch graue und weiße Straßen, an sanierten Altbauten entlang, in der Mitte sortierter Alleen, unter Bäumen, die langsam grün werden, zwischen denen sich einzelne Sonnenstrahlen ihren Weg in das vollkommen organisierte Chaos auf den Straßen bahnen. Es ist noch kalt, deshalb umhüllt mich ein schwarzer, langer, Wollmantel. Jener, der uns alle hier umhüllt, der uns vor der rauen Einsamkeit schützt. Auf meinem Weg begegne ich Leuten, die genauso aussehen wie ich. Sie sind jung und natürlich. Gut sehen sie aus, in ihren Klamotten, der Marke nü** oder a**. Wenn sie viel herumgekommen sind, waren sie vielleicht im T*** oder bei D*** und haben ein Yumi D** an. Die Haare hängen ihnen entweder wüst vom Kopf herab oder aber sind unordentlich über ihm zu einer Art Knäuel zusammengebunden. Sie tragen natürliche Farben. Braun, dunkelblond, braun-blond, karottenfarbig, lockig oder ohne jegliche Bewegung. In ihren Ohren stecken Neon-grüne Kopfhörer. Wer ganz extravagant ist, trägt die großen schwarzen, die einen von weitem zu einer Art großohrigem Tier werden lassen. Aber wenn man darüber eine, von Oma gestrickte Mütze trägt, die ebenso gut ein Pullover sein könnte, dann wirken die Kopfhörer gar nicht mehr so überdimensional. Wo sie hin wollen wissen sie selbst nicht so genau. Es ist 11.30 Uhr. Die meisten von ihnen huschen an mir vorbei, wirken geschäftig. Vielleicht sind sie, wie ich auf dem Weg in den nächsten Supermarkt, um eine Pappschachtel mit vegetarischer Pizza zu kaufen, weil sie zu geschäftig sind, um sich etwas zu kochen. Sie müssen sich ja um ihr Leben kümmern. Freizeitstress. Ab ins Ausland. Bloß unabhängig sein und bitte keine Ordnung. Ihre Zimmer wirken kahl aber hell. Sie haben Parkett-oder Laminat-Böden, Stuck an der Decke – nur das Beste. Für Möbel bleiben weder Zeit noch Geld. Eine Matratze vom Sperrmüll sieht immer nach Rastlosigkeit aus. Bei Leuten, die eine Matratze als Bett haben, weiß man: Die sind nicht lange da. Unterwegs. Niemals zuhause. Noch nie angekommen und niemals ankommen wollend. Wozu auch? Die Umwelt braucht keine Niedergelassenen. Die braucht Flexibilität. Mobilität oder wie sie es nennen. Die Familie ist tot. Der Egoismus lebendig. Traditionen verschwinden, aber die Selbstsucht frisst uns alle auf. Ich sitze auf unserem Balkon im 7. Stock und esse Pizza und rauche. Selbst gedreht. Alles andere würde nicht nur den finanziellen Ruin bedeuten sondern auch den Verlust eines wichtigen Teils meines Seins. Ich rauche keinen deutschen Tabak. Die großen Tabakindustrien möchte ich nicht unterstützen. Kommerz. Hoeneywell ist der Beste, aber schwer zu kriegen. Klar. Alle reden sie vom bösen Kommerz. Deshalb gehen sie auf unkommerzielle Veranstaltungen, ohne Werbung und Support. Die Musik kommt vom Macbook, die Events können direkt vom I-Phone abgerufen werden. Aber der Kommerz kommt für sie nicht in Frage. Überhaupt ist der Konsum ihr größter Feind. Sie brauchen nichts und niemanden. Nur sich selbst und die Freiheit. Beziehungen sind nur von kurzer Dauer. Man findet sich und am Ende trennt einen das Leben. Einander nachgehen ist nicht nötig. Jeder hat seine eigenen Pläne und auf die möchte nicht verzichtet werden. Verzicht? Eines, der ausradierten Worte im Duden. An dessen Stelle tritt die Oberflächlichkeit. Ich puste das englische Grüntee-Rauchgemisch quer in die Freiheit und frage mich, warum niemand mehr sein Herz zeigt? Unsere Herzen sind leere Räume, genauso wie die kahlen, weisen Zimmer, in denen wir wohnen. Es bleibt weder Zeit, noch Geld, um Möbel hineinzustellen. Also bleiben sie stumm und leer und nachdem wir den letzten frischen Staub aus ihnen gefegt haben, ziehen wir weiter. Wir gehen dahin, wo es neu und spannend ist und schlagen unser kurzweiliges Lager in einem anderen leeren Zimmer auf. Aber wehe, es ist sowas wie Liebe im Spiel. Dann wird es ungemütlich. Bloß nichts zugeben. Es macht dich weich und verletzlich, Gefühle zu zeigen. Die Welt von heute ist nicht verletzlich. Wir sind knallhart und gefühls-entfremdet. Wir brauchen keine Emotionen. Sollten sie doch einmal unserem ach so freien Leben im Wege stehen, werden sie heruntergeschluckt, verdrängt. Verdrängung ist der Schlüssel zum maximalen Erfolg. Wenn wir so weiter verdrängen, verdrängt uns eine kalte Zukunft. Denn eines Tages kehrt das einst Verbannte zurück und überschwemmt uns mit Trauer. Aber dann ist es zu spät. Dann hat schon jemand den Hammer genommen und den kalten, kahlen Stein in unserer linken Brust zerschlagen. Wir sind gebrochen und Jahre ziehen an uns vorüber, ohne dass wir jemals eine Spur von Glück in ihnen erfahren haben. Der Style kann uns nicht retten, nicht das Reisen, nicht die ewige Freiheit, das andauernde Unterwegs sein – die Unabhängigkeit macht uns abhängig. Wir sind Sklaven unserer selbst. Warum ist eine Welt voll trauriger Menschen, die nicht traurig sein dürfen? Warum verbietet man uns Gefühle zu zeigen?
Die Liebe ist nicht erwünscht in unserer Umwelt. Nur ein Wort. Aber immerhin existiert es noch. Was wir brauchen sind Roboter. Menschen, die funktionieren und die frei sind. Frei von dem stürmischen Gefühlschaos, dass einst meinte, unser Leben bestimmen zu können. Freiheit ist ein schönes Wort. Und doch wollen wir die Enge. Jemand, der uns Grenzen zeigt. Jene, welche durchbrochen werden wollen. Zurück in die große, freie Welt, in der nur die Emotionslosigkeit siegt.
Aber wo ist unsere Liebe hin? Wir haben sie in kleine Stücke zerteilt und achtlos übers Meer gestreut, ausgekippt mit einem Mal. Jetzt ist nichts mehr davon übrig und falls wir doch noch etwas spüren, ziehen wir eben woanders hin und fangen wieder ein neues, frisches Leben an.

Posted by:WORTWIND

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