Die Tür steht offen und als ich herein streife, erblicke ich einen Raum voller staubiger Sessel, an deren Beinen sich ganze Flusen-Familien niedergelassen zu haben schienen. Es ist ruhig und riecht nach altem Zigarettenrauch. Ein halbgeöffnetes, kleines Fenster bewirkt einen orientierungslosen Luftzug und hereinplatzende Sonnenstrahlen reflektieren ein tornadoartiges Staubgewusel. Ich kann gar nicht anders als nach den vielen, kleinen Bewegungen im Zimmer zu greifen und hopse, wie wild umher, in der Hoffnung, dass auch ja kein Mensch diesen Raum plötzlich für sich entdeckt und meine hastigen Versuche, den Staub zu kaschen beobachtet. Nach kurzer Zeit bin ich müde und springe mit letzter Kraft in einen, der prähistorischen, prunkvollen Sessel. Bevor ich versuche, mich einzurollen, drehe ich mich mindestens acht Mal im Kreise herum und suche nach einer, meinen Ausmaßen entsprechenden Position. Obwohl sich diese Handlung als beinahe unlösbare Problematik entpuppt, finde ich schließlich einen Weg. Ich schmeiße meine Beine über die Armlehnen und rolle meine Arme, wie eine Schlange zusammen, um meinen Kopf anschließend darauf abzulegen. Die  Idylle hält nicht lange an, als jemand einen Korb Wäsche zur Tür herein schiebt und in einer Schublade, direkt neben meinem Sessel die Klammern zu suchen scheint. Es ist ein Mieter aus dem ersten Stockwerk. Sieht der mich nicht schlafen? Er streichelt mein buschiges Fell und ich will das nicht. Genervt und noch halbwegs ohnmächtig ziehe ich davon – noch unentschlossen, was ich jetzt wohl tun werde.

Auf dem Weg nach unten, in den Hinterhof, begegnen mir vier Nachbarn, mit denen ich schon seit 5 Jahren in einem Haus wohne. Alle machen recht seltsame Geräusche, quietschen oder zirpen merkwürdig, als sie mich sehen. Ich werfe ihnen einen gereizten Blick entgegen und verschwinde so schnell es geht. Leider geht es nicht so schnell, weil mein dicker Bauch an jeder Treppenstufe hängenbleibt. Unten angekommen verspüre ich leichten Hunger, lasse mich aber erst einmal auf den Boden plumpsen und genieße die kühlenden Steinplatten an meinem Körper. Nach wenigen Minuten kommt meine Mutter und schmeißt mir ein Salamibrot hin. Der Geruch ist so betörend, dass ich mir einmal mit der Zunge, um den Mund schlecke, das Brot aber nicht eines einzigen Blickes würdige. Die Mutter schaut erwartungsvoll, aber ich rühre mich nicht. Das Brot bildet die Verbindung von mir zur Mutter und duftet einfach herrlich. Mein Magen macht ein lautes, unwirsches Geräusch, weil er sich nicht mehr zügeln kann, aber solange sie da steht und mich beobachtet, werde ich nicht handeln. Ich lasse meine Augen wieder zufallen und mein Kopf kippt nach hinten, auf den Steinboden. Enttäuscht höre ich meine Mutter schimpfen und davon schreiten und öffne ein halbes Auge. Der Spalt ist groß genug, um das, in der Sonne schwitzende, Brot im Ganzen erspähen zu können. Wieder packt mich der Appetit, aber die Mutter wäre noch zu nah und ich eindeutig zu gefräßig, um meiner ungebändigten Verschlingungswut Einhalt gebieten zu können. Gequält falle ich wieder um und versuche mich mit Gedanken an Blumen oder Wasser vom Salamibissen abzulenken. Ein plötzlicher Ruck durchfährt meinen Körper, ich gurre leidend und stürze mich auf das Brot. Nach drei Sekunden ist es  weg.

Enttäuscht über mich selbst schleife ich meinen unförmigen Körper in Richtung des Gartens und suche nach einem von der Sonne angewärmtes Plätzchen. Als ich eines unter der Tanne entdecke, hüpft ein Spatz eilig an mir vorbei. Ich kann den Anblick des grausam piepsenden Vogels nicht ertragen, aber mein Bauch ist eindeutig zu vollgefressen, um eine Pfote nach ihm ausstrecken zu können. Also falle ich auf der Stelle um und schlafe ein.

Die Amseln beherrschen den Garten als ich aufwache. Ich sehe noch verschwommen, aber hier besteht dringend Handlungsbedarf. Nach meinem obligatorischen Buckel, der mir hilft in die Gänge zu kommen, prüfe ich, ob meine Krallen kampfbereit sind und wetze sie noch einmal am Baum. Kurze Zeit später liege ich in Position. Als eine Amsel direkt vor mir entlang marschiert, hole ich aus. Mein Hinterteil holt aus. Es wackelt hastig umher, bevor ich zum Sprung ansetze. Er missglückt.  Die Amsel fliegt auf den Baum. Ich vermute, dass sie dumm ist, als sie wieder zu mir heruntergeflogen kommt und bereite mich auf einen erneuten Angriff vor. Diesmal entwickelt sich eine rasante Verfolgungsjagd. Meine Beine sind träge und schmerzen, weil ich so lange nicht mehr gejagt habe. Die Amsel setzt sich auf eine Mauer hinter den….hinter den…in Zeitlupe stürze ich in den Teich. Meine Mutter muss mich mit einem Handtuch empfangen. Ich höre die Amsel höhnisch lachen, aber gebe nichts darauf, sondern lasse mich geduldig abfrottieren. Die Mutter bringt mich, ins Handtuch gewickelt zum Ofen, vor dem sie ein Fell ausgebreitet hat. Schnell schlafe ich ein.

Für heute beschließe ich, es gut sein zu lassen und nichts Aktives mehr zu tun.

Man hat es nicht leicht als Katze..

Posted by:mahafernnah

Eine Antwort auf „Im Schmusemantel durchs Leben

  1. Ich bin kein Fan von Katzen, aber dieser Artikel ist wirklich herrlich! Habe ihn gleich an Iris – die Katzenliebhaberin – weitergeleitet. Ich wollte übrigens den Artikel liken, aber irgendwie wird meine emailadresse bei der anmeldung nicht angenommen,s orry

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