„flexWork“ – als das Modell im Bewerbungsgespräch vorgestellt wurde, hielt ich es noch für unrealistisch. Oder ich hielt es zumindest für unrealistisch, diesen Job mit den traumhaften Arbeitsbedingungen zu bekommen. Ich könnte von überall aus arbeiten, bekomme eine mobile Büroausstattung. In meinem Kopf entstanden direkt Bilder von mir und meinem Laptop in diversen Strand- und Straßencafés. Im Büro würde dann das „Clean-Desk-Prinzip“ angewendet. Das bedeutet, ich könnte an jedem Arbeitsplatz tätig werden, keine privaten Fotos, keine Kaffeetassen dürfen auf den Tischen geparkt werden. Und auch keine Pflanzen oder Blumen – die Tische müssen „Clean“ bleiben. Auch die Arbeitszeit könnte ich mir so einteilen, dass es zu meiner Lebensgestaltung passt. Es gäbe zwar Kernarbeitszeiten, aber im Vordergrund steht die Vereinbarkeit von Beruf und Freizeit.

Kurze Zeit später hatte ich den Job. Inzwischen bin ich Teil von flexWork, bestimme meinen Arbeitstag weitestgehend autonom. Und das, obwohl ich in einem sehr großen Konzern festangestellt bin. Klar, in Strand- oder Straßencafés herumhängen funktioniert im echten Arbeitsleben nicht, schon deshalb, weil es dort meistens zu laut zum Telefonieren ist. Aber, ich habe mir einen sehr schönen heimischen Arbeitsplatz eingerichtet und auch im Zug, im Flugzeug oder im Hotelzimmer lässt es sich hervorragend arbeiten. Seit ich flexibel arbeite, habe ich das Gefühl, zu wissen, was es bedeutet „zu leben“ und ich bin mir nun auch fast sicher, dass viele in meinem Umfeld – insbesondere hier, in der Business-Metropole Frankfurt am Main – das nicht wissen. Entweder, weil sie es verlernt haben oder – viel schlimmer – nie gelernt haben. Ich möchte wirklich nicht alle Kostümträger in eine Schublade stecken, aber an dieser Stelle fasse ich sie trotzdem mit dem Begriff „Marionetten“ zusammen. Diese Marionetten, zu denen ich selbst noch bis vor Kurzem gehört habe, sind in meinen Augen fremdbestimmt – zumindest für mindestens 40 Stunden pro Woche. Sagen wir 50. Ob Bankangestellte oder Agenturmitarbeiter, alle drehen und wenden sich genauso, wie es ihr Arbeitgeber von ihnen verlangt. Dafür haben sie schließlich einen Arbeitsvertrag und in den meisten Fällen bekommen sie auch ein gutes Gehalt. Aber sie geben einen großen Teil ihres Lebens auf. Und zwar ihr Leben lang.

Es beginnt nach der Uni. Wie oft heißt es da: „Jetzt ist das unbeschwerte Studentenleben vorbei, jetzt kommt das Berufsleben“. Schnell merkt man, was damit gemeint ist. Täglich grüßt das Murmeltier: Der Wecker klingelt von Montag bis Freitag um die gleiche Uhrzeit, Frühstück gibt es immer kurz vor neun, solange der PC im Büro hochfährt und Mittagessen um Punkt zwölf in der Kantine. Dazwischen werden Termine wahrgenommen, Präsentationen gehalten, Ideen vorgestellt – das können durchaus spannende und abwechslungsreiche Aufgaben sein. Aber dann meldet sich plötzlich eine Freundin, die sich spontan auf einen Kaffee treffen möchte und schon merken wir, wie unflexibel wir sind. Ja, vorbei ist das unbeschwerte Studentenleben. Willkommen im Arbeitsleben! Vor 18 Uhr verlässt schließlich nie jemand die heiligen Bürozellen. Und der Berufseinsteiger erst recht nicht.

Wer, wie ich zu den Digital Natives gehört, in der Freizeit die Welt bereist, hier und da einen „Karriereblog“ verfolgt und Freunde hat, die in anderen Ländern arbeiten, kommt beinahe zwangsläufig an den Punkt, an dem er sich fragt, warum wir eigentlich noch immer so starre Arbeitsstrukturen haben, so unflexibel sind, wo wir doch in so vielen Dingen schon so fortschrittlich denken und handeln. Heute, wo die Technik und in den meisten Fällen auch die eigentliche Arbeit alle Möglichkeiten der Flexibilität zulassen, können es doch eigentlich nur noch die konservativen Chefs sein, die dem flexiblen Arbeiten im Wege stehen. Klar, so einfach lässt sich der schwarze Peter nicht zuschieben, schließlich geht es gerade in kleineren Büros um die Existenz und mindestens die Chefs von Mitarbeitern mit Kundenkontakt würden ihren Konservatismus an dieser Stelle begründen. Aber wenn wir ehrlich sind, ist es bei keinem Büroangestellten nötig, täglich um die gleiche Uhrzeit im Büro zu erscheinen, acht oder mehr Stunden starr an einem Ort zu verweilen und dann auch noch jeden Tag zur gleichen Zeit 30 Minuten Mittagspause zu machen. Das Modell ist überholt. Immerhin liegt es mittlerweile in der Politik unter dem Messer, aber es wird wohl noch dauern, bis die Häuptlinge der Bürostämme überzeugt sind, dass mehr Flexibilität zum heutigen Lebensstil gehört.

Wenn ich an meine Zeit vor FlexWork zurückdenke, dann erinnere ich mich an eine Zeit, in der „flexible Arbeitszeitgestaltung“ gleichgesetzt wurde mit „auf der faulen Haut liegen“. Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich manchmal kein Tageslicht gesehen habe, keine Termine beim Arzt bekommen habe und nicht zur Post gehen konnte, weil das bedeutet hätte, dass ich nicht von neun bis 18 Uhr hätte arbeiten können, sondern vielleicht später hätte anfangen oder früher hätte aufhören müssen. Es war eine Zeit der strengen Überwachung meines Arbeitstages, eine Zeit, in der ich rechtfertigen musste, warum die Mittagspause 40 Minuten gedauert hat und in der ich echt oft unproduktiv war, weil ich gezwungen war, im Großraumbüro, zwischen Kundengesprächen und Telefonkonferenzen kreative Texte zu schreiben, obwohl mir das in einer anderen Umgebung leichter gefallen wäre. Danke, dass es vorbei ist und danke, dass es FlexWork gibt!

 

 

Posted by:mahafernnah

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