..SUVs mit dicken Hupen und Bücherregale bis zur Decke – das Frankfurter Westend

Das Frankfurter Westend ist speziell. Nicht nur wegen seiner wunderschönen alten Stadtvillen, die trotz ihres hohen Alters in bester Verfassung erstrahlen und wegen der herrlichen Alleen, die so üppig sind, das ganze Gebäude hinter ihnen verschwinden. Nein, es sind die Bewohner, die das Westend zu dem machen, was man durchaus als „speziell“ bezeichnen darf. Die Rede ist von den sogenannten Westend-Ladies. Sie sind nicht zu verwechseln mit den Nordend-Müttern. Die gemeine Westend-Lady ist für gewöhnlich bereits über 50, trägt einen (echten) Fellmantel, Goldschmuck, einen Hut sowie übertrieben viel Lippenstift und Parfums, auf die „normale“ Menschen keinen Zugriff haben. Die Westend-Lady würde ich nicht als „Superreiche“ bezeichnen, sondern eher als Luxusweibchen, gutbetucht oder Stadtherrin.

Die Nordend-Mutter stinkt dagegen ganz schön ab. Ja, auch sie gehört nicht zu den ärmsten Menschen, aber sie investiert 1. ihr eigenes Geld und 2. in ihre Brut und die für die Brut entscheidende Lebensausrüstung (Fahrradhelme, Fahrradanhänger, Fahrradanhängerfelle, Fahrradjacke mit integrierter Kindertragetasche oder auch teure größenverstellbare Kinderfahrräder).

Zurück zur Westend-Lady. Ihr Leben besteht im Wesentlichen darin, die teuren Anschaffungen ihres Mannes zu bedienen. Dieser besitzt nicht nur das Haus im Westend, weil er a) ein hohes Tier in einer Bank ist b) nach seiner Ausbildung zum Diplomkaufmann in Frankfurt Vermögensberater geworden ist oder c) ein Nachfahre der Familie Rothschild ist und geerbt hat.

Passend zu seinem Anwesen, das meistens mehrere Garagen hat, wovon er aber keine vermietet, hat er sich einen entsprechenden Fuhrpark zugelegt. Neben einem schnittigen Sportwagen, einem Oldtimer und einer Harley, gehört dazu auch der SUV. Er ist meistens eine Ecke zu groß für die Westend-Alleen-Landschaft und die Westend-Lady meistens ein Stück zu klein für den Fahrersitz. Daher – und auch wegen ihres ausgeprägten Ich-Verhaltens – übersieht sie häufig die Nordend-Mütter, die mindestens zweimal am Tag (Hin- und Rückfahrt zu/von der KfW) mit dem Fahrrad das Westend passieren. Wenn es nicht reicht, lange auf die Hupe zu drücken, lässt die Westend-Lady das Fenster runter und es folgt eine kleine Auseinandersetzung. Denn, die Nordend-Mutter muss 1. ihre Brut verteidigen und 2. auch ein bisschen auf die teure Ausrüstung Acht geben. Die Westend-Lady hingegen, verfolgt nur das Ziel, sich selbst so unbeschwert wie möglich zum nächsten Kosmetikinstitut zu rangieren – und zwar, nur sich selbst. Der SUV ist ihr egal, die anderen Verkehrsteilnehmer auch. Eigentlich sind ihr alle anderen Menschen egal.

Verständlich, denn ihr eigenes Leben bedeutet schon genug Stress. Sie muss beispielsweise ständig darauf achten, keine Migräne zu bekommen. Und das ist gar nicht so leicht, denn auch das Westend bleibt von den in Frankfurt alltäglichen Bauarbeiten nicht verschont. An manchen Ecken entstehen sogar besonders extravagante Neubauten (mit Fußbodenheizung, Südwest-Balkon und ohne Seele), die an die nächste Generation Westend verkauft werden. Außerdem kommen ihr beim Einkaufen viel zu häufig die Männer in die Quere, die sich in ihrer Mittagspause etwas beim Bäcker oder im Supermarkt kaufen. Oft ist es ein einziger Kampf, die erste in der Reihe zu sein. Wenn sie es dann aber geschafft hat, bestellt sie siegessicher und entschlossen: „Ich bekomme fünf Dinkel- und drei Roggenbrötchen.“ Nachdem die Verkäuferin alles verpackt und in die Kasse eingetippt hat, fällt der Westend-Lady meistens ein, dass sie noch ein Kleid aus der Änderungsschneiderei holen muss, das sie sich enger nähen lassen hat. Daher revidiert sie die Bestellung wie folgt: „Packen Sie das wieder aus. Ich nehme das Fitnessbrot.“

Danach kehrt sie zurück in die schicke alte Stadtvilla, wo gerade die Putzfrau auf der Leiter vorm deckenhohen Bücherregal steht und den Staub aus den Fächern wischt. Die Westend-Lady lässt ihre Sachen auf die Récamière fallen, an manchen Tagen schubst sie versehentlich einen der sauteuren Blaufußtölpel aus Holz um, den sie und ihr Mann von der letzten Galapagos-Reise mitgebracht haben und befiehlt der Putzfrau danach, alles in Ordnung zu bringen.

Während sich im Nordend schon am frühen Abend die ganze Familie und die befreundete Familie aus der Nachbarschaft mit den beiden Kindern von deren befreundeter Familie im Kinderzimmer zum Spielen eingefunden hat, sitzt die Westend-Lady ungeduldig und in Abendrobe allein am überdimensionalen Marmortisch (mindestens zehn Stühle und eine riesige Vase mit Tulpen in der Mitte) und wartet auf den Ehegatten, der (wenn er nicht selbst einer ist) noch mit seinem Vermögensberater auf einen Whiskey verabredet ist und mal wieder später kommt. Er ist mit seinem Rennrad unterwegs, denn er braucht diesen Ausgleich zum Bürojob, You Know? Zu seiner Sicherheit trägt er Fahrradhelm mit Regencape, damit die UV-Licht-und-Unfallschutz-Fasern, die unsichtbar im Plastikhelm verarbeitet wurden, nicht nass werden. Die Westend-Lady weiß nicht, wozu man einen Ausgleich braucht. Nach dem Bäckerbesuch hat sie das Kleid geholt und sich den gesamten Nachmittag hergerichtet, um noch vor dem Opernbesuch im heimischen Wohnzimmer gemeinsam mit dem geliebten Ehemann einen Grauburgunder zu trinken. Bedauerlich. Es kommt nicht dazu.

Posted by:mahafernnah

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