Ein Jahr Training und kein Effekt außer Stress! Dabei soll Sport doch entspannter machen und gelenkig und ausdauernd und fit und gesund. Ein Jahr lang habe ich mich unter Maximalpuls durch die Parks und Gärten der Großstadt gequält, bin zehn, ja manchmal sogar zwölf Kilometer gelaufen. Lob und Anerkennung kam von allen Seiten, aber die wichtigste Erkenntnis kam erst an einem verregneten Morgen mitten im November.

img_6779-1.jpg

Vor ziemlich genau einem Jahr bekam ich eine Laufuhr geschenkt. Eine richtig gute! Mit Kilometer- und Geschwindigkeitsanzeige und Pulsmesser. Dazu kamen auch gleich tolle strahlend-blaue Laufschuhe. Dem großen Vergnügen stand also nicht mehr im Wege! Ich wollte trainieren, mich schnell steigern. Ich wollte dem schlechten Gewissen davonrennen, dass sich mit jedem Mal aufdrängte, dass ich in den Fahrstuhl sprang, statt die Treppe zu nehmen und mit jedem Keks, den ich tagsüber im Büro aß. Der Puls war nebensächlich, obwohl er tobte! Viel zu schnell schlug das Herz bei jedem Lauf. Aber es half ja nichts. Nur schnell steigern, war die Devise. Schon nach wenigen Wochen, die ich in halbwegs regelmäßigen Abständen sechs Kilometer durch den Park hastete, suchte ich nach längeren, anspruchsvolleren Touren. Das ehemalige Buga-Gelände bot eine perfekte Umgebung für meine idiotische Ambition – ein riesiges Freigehege für Menschen, die sich gerne mal sportlich selbst überschätzen. Meine Begleitung wechselte: Manchmal war es meine Freundin, eine Marathon-Anwärterin und ab und zu mein Freund, ein ausdauernder Sportler. Doch meistens trieb ich allein über die Asphalte dieser hektischen Stadt. Ich wollte immer mehr, schnell sollten es zehn Kilometer werden. Als ich mein großes Laufziel zum ersten Mal erreichte, hätte ich den Erfolg am liebsten sofort mit Facebook geteilt, wäre es nicht inzwischen out, Lauferfolge zu teilen. Mein Freund war stolz auf mich, meine Eltern erstaunt und meine Marathon-Freundin ermutigte mich, die zehn Kilometer in weniger als einer Stunde zu laufen. Gesagt, getan. Beim nächsten Lauf lagen die zehn Kilometer in nur 53 Minuten hinter mir. Mit tiefrotem Kopf kam ich zuhause an, meine Beine schmerzten, mein Mund fühlte sich trocken an. „Das ist normal“, raunte es aus allen Ecken. Sport ist eben Mord. Die App zeigte „Erholung“ und „Gönn dir eine Pause“ . Ich war zufrieden mit meiner Leistung. Nur irgendwie fühlte ich mich weniger erholt, als gepeinigt.

Zurück zur Laufuhr. Vor einer Woche öffnete ich die App, in der ich alle Läufe, die ich dieses Jahr gemacht habe, dokumentiert habe. Ich scrollte durch die Statistik, denn der durchschnittliche Puls der letzten beiden Läufe war enorm hoch. Eigentlich wollte ich meinen Trainingseffekt überprüfen und die Läufe zählen. Ich erinnerte mich: Im Mai war ich gut drauf! Also arbeitete ich mich bis zum Mai durch die Statistik und stellte entsetzt fest, dass auch hier der Puls deutlich über dem Limit lag. Egal in welchem Monat ich mich befand, der Puls war immer gleich – gefährlich nah am Limit. Der Maximalpuls errechnet sich durch die Faustformel: 220 – Lebensalter. Er zeigt die Anzahl der Herzschläge pro Minute, die ein Mensch unter größtmöglicher körperlicher Belastung erreichen kann. Bei mir liegt er bei 190 Schlägen pro Minute, mein Puls beim Laufen im Schnitt bei 175 Schlägen. Eine weitere Faustformel besagt aber, dass der Puls beim ruhigen Dauerlauf nicht mehr als 75 Prozent des Maximalpulsschlags erreichen darf. Schockiert durchforstete ich sämtliche Internetseiten auf der Suche nach Berechnungsmethoden, Pulswerten und fehlerhaften Messwerten. Ich fand diverse Krankheiten im Netz und bat befreundete Ärzte um Rat. Nach kurzer Zeit war klar: Da muss etwas nicht in Ordnung sein. Immerhin war der Puls bei keinem Lauf, in keinem Monat niedriger. Kein Trainingseffekt! Entschlossen suchte ich nach einem Kardiologen und vereinbarte dann einen Termin bei einer Internistin mit kardiologischem Schwerpunkt. Schließlich wollte ich nicht übertreiben. Eigentlich fühlte ich mich auch nie so schlecht nach dem Laufen, dass ich mich ernsthaft sorgte. Aber man weiß ja nie! Herzfehler werden ja gerade bei jüngeren Frauen oft übersehen, weil das Herz einer Frau grundsätzlich etwas schneller schlägt als bei Männern. Bevor die Untersuchung anstand, wollte ich noch einen Lauf machen. Diesmal wollte ich ganz gezielt auf meinen Pils achten, ihn konstant auf 144 Schlägen pro Minute halten.

Der erste „Pulslauf“ fiel auf einen verregneten Morgen im November. Ich stellte mich auf einen Spaziergang ein. Von vergangenen Läufen, bei denen ich beiläufig auf den Puls schielte, hatte ich in Erinnerung, dass mein Herz viel zu schnell über das Limit schlug. Etwas unmotiviert verpackte ich meinen Kopf in Mütze und Kapuze gegen den Dauerregen und harrte noch ein paar Minuten in der Wohnung aus, bis es einigermaßen hell draußen war. Um 07:15 Uhr ging die besondere Sporteinheit los. Ganz langsam. So langsam, dass ich nebenbei Nachrichten tippen konnte. Ich schrieb meinem Freund: „Der Puls liegt bei 136 und ich krieche.“ Noch immer war ich überzeugt, dass etwas nicht stimmte. Gemeinsam hatten mein Freund und ich in den letzten Tagen ein paar Mal manuell gemessen und die Werte mit denen der Laufuhr verglichen. Ein Messfehler war ausgeschlossen. Im Ruhezustand waren es jedes Mal um die 60 Schläge pro Minute – alles andere als beunruhigend. Eigentlich wollte ich nur durch das Wohngebiet laufen – schließlich kann man bei dem Tempo ja keine großen Distanzen bewältigen. Nach ein paar Metern entschied ich mich aber doch, die übliche Runde durch den Park anzugehen.

Bis zur ersten Brücke lief alles ganz ruhig ab – das Tempo war unter aller Würde und so lenkte ich mich damit ab, mich auf eine tiefe Atmung zu konzentrieren, in den Bauch statt in die Brust. Dabei wurde der Puls noch langsamer. Dann lief ich die Brücke hoch, der Puls stieg auf 150, 155 – also wurde ich langsamer und siehe da, schnell erreichte ich wieder 146 Schläge. Ein Gefühl der Ruhe und Ausgeglichenheit stellte sich ein. Noch nie war ich an diesem Punkt der Runde noch so fit. Meistens rang ich, oben angekommen, für einen kurzen Moment nach Luft. Dafür hatte ich die Brücke in der Vergangenheit deutlich schneller erreicht. Ohne lange drüber nachzudenken, schlug ich den Weg für die größere Runde ein. Es regnete noch immer und durch das nasse Laub war es rutschig und ich trotzdem sehr gelassen. Der Weg schlängelte sich durch eine Gartenanlage, ein wenig auf und ab. Die Pulsregel hatte ich schnell erkannt: Bergauf langsamer, bergab konnte ich ein bisschen Gas geben. Der Puls pendelte sich bei 141 ein. Alle paar Minuten blickte ich erstaunt auf die Uhr. Dann nahm ich Tempo auf. Aha! Ich hatte mich wohl warm gelaufen. Inzwischen hatte ich fast mein übliches Lauftempo erreicht und der Puls lag trotzdem bei 146. Nach dem fünften Kilometer war ich noch immer gut drauf und spürte meine Energie. Das muss der Trainingseffekt sein! Ja, ich hatte Ausdauer. Und noch dazu hatte ich Zeit. Während ich sonst permanent mit meiner Ausdauer beschäftigt war, genoss ich diesmal den Park, den Regen, den Lauf. Ich dachte darüber nach, wie viele Texte ich gerne schreiben möchte und, dass der erste von diesem Lauf handeln sollte. Erste Sätze fielen mir ein, dann ein Einstieg, eine Überschrift. Nach 53 Minuten kam ich zuhause an. Gelaufen war ich nur sieben statt zehn Kilometer. Ja, das war langsamer als sonst, dafür war mein Kopf voller Erkenntnisse und mein Herz schlug entspannt. Hätte ich mir etwas mehr Zeit gegeben, hätte ich an diesem verregneten Novembermorgen leichtfüßig zehn Kilometer schaffen können und dabei im Kopf womöglich jede Menge Texte geschrieben.

Fortsetzung folgt..

Hier ein kleiner Tipp, um seine wahre Fitness zu überprüfen:

Mit zunehmender Fitness stellst du fest, dass du dich nach Belastungen schneller erholst. Je schneller sich die Erholung nach einer Belastung einstellt, desto fitter bist du. Dieser Fortschritt lässt sich einfach messen: Wärme dich gut auf und lauf zwei Minuten in vollem Tempo. Danach stoppen und den Puls messen. Sobald die Herzfrequenz um einen Schlag gesunken ist, beginnst du, die Zeit zu stoppen, und notierst dir den Wert, der sich nach einer Minute ergibt. Ein Wert von 30 Schlägen pro Minute weniger gilt als gut, 40 sind total okay.

Posted by:mahafernnah

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s