Michael Möll bewohnt eine Eisenbahner-Wohnung am Frankfurter Südbahnhof. Seit 2001 ist er bei DB Netz als Bauingenieur im konstruktiven Ingenieurbau tätig. Sein Spezialgebiet: Eisenbahnbrücken. Ich durfte einen Blick in die vier Wände des gebürtigen Hessen werfen. Nachfolgend fasse ich zusammen, was ich an jenem regnerischen Novembertag bei Lebkuchen und selbst hergestellten Apfelsaft über das Eisenbahner-Heim und dessen Bewohner erfuhr.

An einem Donnerstag im November fragte ich blind in die Tiefen eines riesigen E-Mail-Verteilers nach einem Bewohner einer Eisenbahn-Wohnung, der mir für diesen Beitrag zur Verfügung stehen könnte. Wenige Minuten später hatte ich zahlreiche E-Mails in meinem Postfach. Ich erhielt Bilder von einem DB-Wohnheim, Wohnungsgesuche, Ansprechpartner für DB-Wohnungen und tatsächlich Zuschriften von DB-Mitarbeitern, die sich bereit erklärten, mir ihre Wohnungen zu zeigen. Ich bewunderte deren Offenheit, schließlich wollte ich mir mit meiner anonymen Anfrage Zutritt zum Privatleben eines völlig fremden Menschen verschaffen. Intuitiv entschied ich mich für Michael aus dem regionalen Projektmanagement bei DB Netz – so verriet es seine Mail-Visitenkarte. Mehr wusste ich bis dahin nicht über ihn.

Wenige Tage später warte ich vor einem Wohnblock aus den 50er-Jahren, unmittelbar neben dem Frankfurter Südbahnhof. Mit Turnbeutel auf dem Rücken und lässigen Jeans bekleidet, biegt ein Mann mittleren Alters um die Ecke und strahlt, als er mich sieht. Michael, ein alter Hase im Umgang mit Journalisten, hatte heute extra früher Feierabend gemacht und war von seinem Büro in Niederrad schnell nach Hause geeilt, um mir die Türen zu seiner blank gewienerten 50-Quadratmeter-Wohnung zu öffnen. Immer wieder mal klopften Journalisten an seiner Bürotür, um über seine Brückenbaustellen zu berichten.

Heute klopfe ich an seiner Wohnungstür, diesmal sollte er selbst im Mittelpunkt stehen: Michael absolvierte eines Tages eine Ausbildung zum Bauzeichner und schließlich ein Studium, was ihn zum Bauingenieur qualifizierte. Seine Schul- und Ausbildungszeit verbrachte er in Fulda, wo er früher für die Stadt Fulda sehr viele und auch noch heute noch manchmal Stadtführungen für Freunde und Kollegen anbietet. Im Jahr 2001 schickt er ein paar Bewerbungen ab, auch an die Deutsche Bahn. Damals baut der architekturbegeisterte Michael noch bei der Frankfurter S-Bahn Bahnhöfe um, beispielsweise in Bad Vilbel oder Rödelheim. Neben Bahnhöfen begeistern ihn seit eh und je Brücken. Den besten Beweis dafür liefert eine Fotografie an der Küchenwand, die zahlreiche Brücken auf der Seine in Paris zeigt und sich über die ganze Breite des großen Esstischs seiner gemütlichen Wohnküche erstreckt.

Nach wenigen Bewerbungen landet der Bauingenieur bei DB Netz. Seitdem betreut er viele Eisenbahnbrückenbaumaßnahmen in Frankfurt – inzwischen macht er das seit fast 17 Jahren. Sechs Brücken sind in diesem Jahr unter seiner Verantwortung neu entstanden: „Eisenbrücken sind interessant, weil man sie unter dem rollenden Rad bauen muss und oft nur wenige Stunden Zeit hat, um Hilfsbrücken zu bauen, damit der Verkehr nur ganz kurz unterbrochen wird“, erklärt er.

Bei so vielen Brücken, kann es eigentlich kein Zufall sein, dass er kurz nach seinem Eintritt in die Deutsche Bahn AG eine Wohnung unmittelbar neben dem sogenannten Frankfurter Brückenviertel findet. „Damals wurden die Wohnungen von der Bundesbahnwohnungsbaugesellschaft (BWG) noch ausschließlich an Mitarbeiter der Deutsche Bahn AG vermietet“, betont Michael, als wir in der Diele stehen. Mein Blick fällt auf den Eisenbahn-Wandkalender, auf einer Ablage liegen zwei Schlüsselanhänger mit DB-Logo und an der Pinnwand hängt ein Brief von der Vonovia, der Gesellschaft, die seit der Bahnreform die Wohnungen vermietet.

Der Vater eines Freundes, ein echter Eisenbahner, macht Michael damals auf das Wohnungsangebot aufmerksam und sorgt dafür, dass es schnell zu Besichtigungen kommt.

„Die Wohnungen waren in einem sehr schlechten Zustand. So schlecht, dass ich die erste freie Wohnung ablehnte. Es gab keine Heizung und vor dem Fenster stand eine gewaltige Tanne, sodass überhaupt kein Licht hereinkam“, erzählt er. „Doch dann durfte ich diese Wohnung besichtigen. Sie war ebenfalls ziemlich dreckig. Der Lokführer, der hier wohnte, putzte scheinbar nie. Aber das Bad war erst wenige Jahre alt, sie hatte eine Heizung und außerdem wohnte ja auch mein Kumpel nebenan“, fährt er lachend fort. Im Jahr 2003 zieht er schließlich ein.

Mit seinen Gedanken in der alten Zeit, blickt Michael verträumt aus dem Küchenfenster. Regionalzüge und ICEs rollen draußen vorbei, die Skyline rundet das Szenario malerisch ab. „Die Lage ist genial, ich wohne mitten in der Stadt. Außerdem wollte ich unbedingt einen Balkon haben und ich genieße es heute wie damals, im Sommer mit Freunden bei einem Gläschen Wein hier draußen zu sitzen“, schwärmt er. Ob es laut ist, direkt am Bahnhof zu wohnen, möchte ich wissen. Die Züge haben ihn nie gestört, lediglich die vor den Arbeitseinsätzen bei laufendem Motor abgestellten Gleisstopfmaschinen sind manchmal echt nervig. Aber insgesamt sei der Bahnhof weniger das Problem. Mit Ohropax schläft Michael eigentlich nur deshalb, weil die große Straße auf der anderen Seite des Hauses und die ansässige Feuerwehr unaufhörlich Lärm verbreiten.

Wir gehen nochmal rüber ins Wohnzimmer: Ein Porträt vom Frankfurter Bahnhof nimmt eine ganze Wand ein, auf der gegenüberliegenden Seite steht eine Sammlung an Modell-Eisenbahnen, die Michael jeweils aus irgendeinem Anlass geschenkt bekommen hatte. Auf einer Kommode eine Holzeisenbahn – ein Abschiedsgeschenk seiner ehemaligen Kollegen beim Ingenieurbüro Weber. Neben einem kleinen Sofa steht ein Regal voller Bücher über Frankfurt. Bevor er nach Sachsenhausen gezogen ist, hat Michael in Bockenheim gewohnt. Ihm hat es dort auch gefallen, obwohl er nicht nur Gutes über den Stadtteil im Frankfurter Westen zu berichten hat, als ich ein Buch über Bockenheim aus dem Regal ziehe. Michael weiß enorm viel über die Geschichte und Architektur Frankfurts. Dabei war er ja in seiner Freizeit eigentlich Stadtführer in Fulda. Tatsächlich hatte er sich damals, vor der Bahn, aber auch ein paar Mal bei der Stadt Frankfurt beworben.

Es scheint zumindest, als sei Michael sowohl beruflich, als auch privat mit seiner Eisenbahner-Wohnung voll und ganz angekommen, in der „Eisenbahner-Familie“, oder etwa nicht? Michael lacht: „Der Begriff der „Bahner-Familie“ hat sich stark verändert, die Hausgemeinschaft ist kunterbunt und besteht längst nicht mehr ausschließlich aus Bahn-Mitarbeitern. Zwar sind aus der alten Zeit etliche Bundesbahn-Witwen übriggeblieben, die noch sehr viel im Garten machen und sich untereinander gut kennen, aber früher war es hier in der Hausgemeinschaft deutlich familiärer. Viel öfter ergab sich ein Gespräch oder auch ein gemeinsames Grill-Event mit den benachbarten Lokführern und Zugbegleitern, als es heute der Fall ist.“

Heute ist das Angebot der Vonovia für jedermann zugänglich, aber noch immer genießen die Mitarbeiter der Deutsche Bahn einige Vorteile, wie beispielsweise kürzere Kündigungsfristen. Informationen zum Wohnungsangebot finden Sie in den offenen Gruppen auf DB Planet sowie im Wohnungsmarkt der Deutsche Bahn AG auf der Webseite.

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Michaels Küche mit Ausblick auf den Frankfurter Südbahnhof

 

Posted by:mahafernnah

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